Dienstag, 20. November 2012

Betreuungsgeld - find ich gut!

Irgendwie hatte ich schon lange überlegt, mal zum Betreuungsgeld zu schreiben. Aber dafür wollte ich mir Zeit nehmen und in Ruhe schreiben - etwas, dass z.Z. hier kaum möglich ist. Dann wollte ich Freitag eigentlich nur einen kurzen Artikel mit Link zu Andrea und Marc schreiben, die einen sehr guten Leserbrief zu diesem Thema geschrieben haben -  und dann wurde der Artikel immer länger...

Hier also mal ein paar Gedanken von mir zum Betreuungsgeld, keine ausgereifte Argumentation, einfach ein paar Gedanken:

- zunächst mal: Ich finde es wichtig, dass es qualitativ gute Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder gibt wenn beide Elternteile arbeiten wollen oder müssen oder die Betreuung in der Krippe für das Beste halten.
Aber ich persönlich bin davon überzeugt, dass kleine Kinder zu ihren Eltern gehören (bzw. in ein familiäres Umfeld)! Ich bin nicht zuhause weil ich das nett finde oder angenehmer als im Büro zu arbeiten, sondern weil ich davon überzeugt bin dass es für meine Familie im Moment so am Besten ist. Und ich möchte, dass Eltern die ihre Kleinkinder zuhause betreuen wollen das auch tun können ohne blöd angeguckt zu werden!

- was mich lange am meisten aufgeregt hat: Das sich Politiker erdreisten so zu tun, als wären sämtliche Eltern zu dumm um ihre Kinder zu erziehen und alle Kinder wären in Kitas besser aufgehoben. Diese Unterstellung finde ich unverschämt - und doch ist sie in fast jeder Diskussion zu diesem Thema mehr oder weniger versteckt zu finden.

- Wir reden beim Betreuungsgeld nicht von Kindergartenkindern - sondern erstmal von 1 bis 2jährigen! Eigentlich klar, aber in der Diskussion wird das immer wieder vergessen. Welche Förderung brauchen Kinder in diesem Alter denn bitte? Was ist Sozialkompetenz für ein zweijähriges Kind? Im zweiten Lebensjahr lernen Kinder in erster Linie sprechen und laufen bzw. verfeinern diese Fähigkeiten. Sie brauchen eine Bezugsperson die ihnen vorliest, mit ihnen singt, sie an der Hand auf einer Mauer laufen lässt, sie am alltäglichen Leben teilhaben lässt. Dabei erlernen sie dann auch Sozialkompetenz, soweit das in diesem Alter möglich ist. Das soll ernsthaft in einer Kita besser gewährleistet werden als zuhause? Wer glaubt das denn?

- In wessen Interesse ist eigentlich der Kita-Ausbau?
Nicht im Interesse der Kinder, soviel ist klar. Ich habe in den letzten Monaten viele Untersuchungen gesehen und gelesen und die sind sich darin einig, dass eine hervorragende Betreuung im besten Fall keinen Schaden anrichtet (Geringfügige Vorsprünge im Sozialverhalten gleichen sich später wieder aus). Und wo gibt es diese hervorragende Betreuung?
Im Interesse der Eltern? So sieht es erstmal aus. Aber wollen Eltern wirklich ihre Kleinkinder ganztägig in die Krippe geben? Die meisten möchten das nicht. Tatsächlich wünschen sich Eltern doch mehr Teilzeitmöglichkeiten und vernünftige Verdienste, damit man nicht insgesamt 50 oder mehr Stunden pro Woche arbeiten muss um das Familieneinkommen zu sichern.
Letztlich geht es beim Krippenausbau doch nur um das Interesse der Wirtschaft! Die Mütter sollen schnell wieder an ihre Arbeitsplätze, die Nachfrage nach flexiblen Teilzeitmodellen soll gering gehalten werden und es soll bitte keiner nachfragen, warum ein Gehalt heute nicht mehr ausreicht, damit eine mehrköpfige Familie davon leben kann. Das gehört nämlich auch zum Problem: In den letzten 30 Jahren sind die Einkommen kaum gestiegen - im Gegensatz zu den tatsächlichen Lebenshaltungskosten. Faktisch sind die Gehälter oft gesunken - mein Vater berichtet ganz entsetzt, dass seine jungen Kollegen heute weniger verdienen als er damals! Kein Wunder, dass es für viele Mütter notwendig ist, schnell wieder zu arbeiten!
Der nette Arbeitgeberpräsident hat ja gestern schon gefordert, die Elternzeit auf ein Jahr zu verkürzen.  Demnächst sollen wir die Kinder dann vielleicht nur noch eben gebären, damit wir dem Produktionsprozess schnell wieder zur Verfügung stehen. Oder sollen wir das vielleicht auch noch "outsourcen" und das Kinderaustragen auch noch Profis überlassen?

- Kann es denn richtig sein, dass Familienpolitik nur noch Betreuungspolitik ist? An allen Ecken wird gestrichen und gespart - und nur in den Kita-Ausbau wird investiert. Für Kindergärten und -Tagesstätten, die schon in einigen Jahren keiner mehr braucht, weil dann nicht mehr so viele Kinder da sind. Ist das wirklich gerecht?

- Es gibt diese Klischee-Harz 4-Familien, bei denen man wirklich denkt, die Kinder sind besser woanders aufgehoben. Aber ganz ehrlich: Das ist erstes eine Minderheit und zweitens ist das Jugendamt normalerweise schon in diesen Familien. Wenn nötig, macht es den Kita-Besuch der Kinder zur Auflage.
Und ich möchte weder mich, noch die vielen vielen anderen Mütter (und Väter) die sich jeden Tag bemühen und ihr Bestes für ihre Kinder geben mit solchen Eltern oder mit der Millonärsgattin die das Kind ja nur beim Au-pair lässt gleichsetzen lassen (dieses Bild wird ja auch gerne bei dieser Diskussion hervorgeholt)! Auch das ist eine Unverschämtheit!

- Ich frage mich manchmal: Was wird passieren wenn die außerhäusige Betreuung von Kleinkindern so normal wird? Welchen Wert hat Familie noch? Kinder sind doch jetzt schon "Privatvergnügen" statt überlebenswichtig für unsere Gesellschaft. Welche Bereiche werden noch "verwirtschaftet"? Wie Jesper Juul es jetzt so schön sagte: Wir schaffen immer mehr Reservate: Für Kinder, für Alte... was geht unserer Gesellschaft dadurch verloren?

- Würden nicht alle Kinder schnell in die Betreuung gedrängt könnte erstmal an der Qualität gearbeitet werden - zum Wohl der Kinder!

- Einerseits werden Kinder heute gerne klein gehalten und ihnen wird wenig zugetraut (z.B. alleine zur Schule gehen). Andererseits sollen sie schnell "vernünftig" werden und "selbständig". Gerne wird zitiert, dass man loslassen können muss (Babys natürlich auch schon) und "Kinder Flügel brauchen" - vergessen wird dabei nur, dass sie zunächst Wurzeln brauchen!

Darum finde ich das Betreuungsgeld gut und einen Schritt in die richtige Richtung - die Leistung von Eltern als gesellschaftlich wichtig anzuerkennen.
Und ich glaube auch, dass noch mehr Menschen dieses Thema so kritisch sehen - sie tauchen nur nicht in den Medien auf. Wie war das noch: Rein statistisch haben Journalisten besonders wenig Kinder....

Kommentare:

alltagsmix hat gesagt…

Bei dem Thema prallen die persönlichen Ansichten über Kinder & Familie stark aufeinander. Es ist auch eine Frage der Sozialisation. So bin ich beispielsweise in der DDR geboren und ging selbstverständlich in die Krippe und Kindergarten. Auch gerne. In meiner Gegend ist es einfach üblich, Kinder in die Kinderkrippe zu schicken. Nicht nur wegen den DDR-Erfahrungen, sondern auch weil ein Gehalt bei uns einfach zum Versorgen einer Familie nicht reicht, nicht einmal bei Akademikern. Immer noch liegen die Löhne bei 60-80 % des Westgehalts. Tja, wir haben da genau das andere Problem. Wir brauchen die Krippe, um Kinder und Arbeit vereinbaren zu können. Nur ist bei uns der Krippenplatz so knapp, daß ich beispielsweise nicht weiß, was ich im nächsten Sommer machen soll.

Katja Heigl hat gesagt…

Liebe Stephanie, das hast Du super gut geschrieben!!! Und ich finde es sehr traurig, dass die Mütter in unserer Gesellschaft nicht mehr entscheiden können, wer ihre Kinder erzieht (um die Argumente meiner Vorkommentatorin aufzugreifen) - da muss die Politik aber ganz viel machen, damit das wieder in die richtige Richtung geht! Es fängt bei den ganz kleinen an und geht bei den Schulkindern weiter (Stichpunkt Ganztagsschule, da kommt noch einiges auf uns zu). Das Betreuungsgeld ist wohl eher ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin, es tropft!
(Und jetzt höre ich auf, sonst wird mein Kommentar so lange wie Dein Post :-)

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